Am Anfang war das Wort, so steht es in einem der wichtigsten und auflagenstärksten Bücher aller Zeiten. Und zu Beginn scheint es grundsätzlich wichtig zu sein, sich mit dem Wort als solchem auseinander zu setzen.

Worte und Bilder

Wir denken viel und häufig in Worten, weniger in Bildern - das ist aber wohl individuell sehr unterschiedlich; je nach Hirnhemisphärennutzung. Wenn wir in Bildern denken, dann haben wir dafür meist gedankliche Be- und Umschreibungen für sie. Stimmen im Kopf (oder sonst woher) erklären uns was wir sehen oder was wir fühlen bzw. was wir glauben, dass wir es fühlen. Michael A. Singer nennt den plappernden Geist – was auch stimmt, wenn man mal zuhört und sich selbst aus diesen Gesprächen heraushält.

Subjektiv

Das mit der Wahrnehmung ist halt so eine Sache. Sie hängt von vielen Faktoren ab: Erfahrungen, Prägungen, Glaubenssätzen, Bewertungen. Das wird bzw. ist gefasst in Worte, die und deren Verwendung wir im Zuge unserer Sozialisierung und (Aus-)Bildung gelernt und aus den unterschiedlichsten Bezugsgruppen übernommen haben. Selten hinterfragt.

Die Stimme im Kopf - man sollte mal hinhören, denn es sind häufig mehrere - spricht zu uns und erklärt uns die Welt, die wir wiederum unseren Mitmenschen, Kollegen, Schülern, und so weiter ebenfalls erklären. Mit unseren Worten. Wissensvermittlung, Geschichten, Nachrichten… alles fein soweit.

Kurzsichtigkeit

Der Haken an der Sache ist, wie schon angedeutet, dass wir glauben, dass alle um uns herum die Dinge so sehen (sollten), wie wir sie sehen. Erstens natürlich, weil wir in unserer Sicht bestätigt werden und uns unter Gleichgesinnten fühlen wollen. Zweitens, weil wir glauben - warum auch immer - dass wir, da wir ja dieselbe Sprache sprechen, auch grundsätzlich von einem gemeinsamen Verständnis ausgehen zu können. Dem ist aber nicht so.

Alte Zeiten, sehr alte Zeiten...

Diese Illusion hat sich spätestens mit dem versuchten Turmbau zu Babel in Wohlgefallen (oder worin auch immer) aufgelöst. Bis dahin gab es den quasi paradiesischen Zustand: „…und die ganze Erde hatte ein und dieselbe Sprache und ein und dieselben Wörter.“  (1. Moses 11.1)

Wahrscheinlich brauchte es im Lande Schinar nicht viele Worte, wahrscheinlich hatte man das gleiche bzw. selbe Verständnis von ihnen und so früh in der Geschichte hatten die Worte vermutlich auch keine Bedeutungsveränderung im Verlauf der Zeit erlebt. Eine großartige Zeit für Konsens, gegenseitiges Verstehen, wenig Reibungsverluste in Projekten und vom Berufsstand des Kommunikationstrainers und Mediators hat niemand zu träumen gewagt. Wie gesagt, es war ja noch früh in der Geschichte…

Evolution und Dynamik

Das ist nun lange her und über die Zeit veränderte sich die Sprache in den einzelnen Ländern, in die die Turmbauer verstreut wurden. Neue Worte und Begriffe wurden erfunden, Einflüsse aus anderen Sprachen zogen ein, Bedeutungen änderten sich, Worte und Ausdrücke wurden und werden „gekapert“. (Querdenken und Querdenker ist aktuell so ein gekaperter Begriff.)

Mühe und Arbeit

Leider macht sich heute kaum jemand die „Mühe“ nachzuschauen, was denn so ein Wort in Sinn und Ursprung bedeutet oder bedeutet hat, wie es seine Bedeutung verändert hat und warum. Und: Kaum jemand traut sich, sein(e) Gegenüber zu fragen, was sie oder er denn nun unter einem Begriff versteht. Das könnte ja den Anschein erwecken, man habe keine Ahnung. Dabei ist genau diese Klärung doppelt hilfreich: Wir haben die Chance einen anderen Blickwinkel kennen zu lernen und im Verlauf der weiteren Kommunikation und Zusammenarbeit sinkt die Überraschungswahrscheinlichkeit dahin gehend, dass man glaubt, man habe ein identisches Verständnis von Ziel und Vorgehen gehabt. Das scheint gerade bei Modebegriffen und Buzzwords vermehrt der Fall zu sein: Man denke an Digitalisierung, Agile, Nachhaltigkeit, Achtsamkeit - alle stimmen zu und finden es (überwiegend) gut, aber wenn wir fünf Leute fragen bekommen wir mindestens sieben Sichtweisen. Das ist doof, aber eine schier unerschöpfliche Quelle für Beiträge, Artikel, Diskussionen, Bücher, Diskreditierungen und Beleidigungen.

Eine Idee...

Was hilft? Zunächst einmal können wir im Gespräch oder Dialog klären, wer denn was unter einem bestimmten Begriff versteht. Dabei geht es um die „wichtigen“ und zentralen Begriffe oder Schlagwörter. Man kommt zu nix, wenn man den Haarspalterei-Modus aktiviert und klugscheisserisch wirklich jedes Wort seziert. Das ist kontraproduktiv und, ja, albern.

Gedankensprung, Auflösung und Tipp

Aus initial befürchteter Mühe im Zusammenhang mit der Klarheitserhöhung von Sprache kann Freude, Spaß und ein wunderbarer Lerneffekt erwachsen. Das geht, indem man ein sogenanntes Etymologisches Wörterbuch zur Hand nimmt. Da gibt es einige in gedruckter Form, ziemliche Folianten und geeignet den Muskelaufbau zu fördern, wenn man sie häufig aus dem Regal nimmt.

Der Hirnaufbau wird auf jeden Fall gefördert, da sich neue, bekannte, vergessene und auf jeden Fall lehrreiche Erkenntnisse aus dem Nachschlagen von Worten und Begriffen, auch scheinbar ganz alltäglichen, ergeben. Brain- und Bodybuilding sozusagen.

Wer keinen Platz im Bücherregal hat, der möge sich das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache (dwds.de) in diesem Internetz aufrufen. Dort ist alles in digitaler Form zu finden.